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Rezension in DRESDNER NEUESTE NACHRICHTEN v. 18. Dezember 2019

Von Tomas Gärtner zu Utz Rachowskis Buch

„Die Lichter, die wir selbst entzünden. Essay. Reden. Porträts. Briefe aus dem Gefängnis“

In seinen Essays zeigt sich der Dichter Utz Rachowski als beeindruckend unbeirrbarer Beobachter.

Sprachliche Glanzstücke sind sie nicht, die Essays von Utz Rachowski. Der Band „Die Lichter, die wir selbst entzünden“ enthält viel Material – Reden, Porträts, Briefe aus dem Gefängnis. Sachlich liest sich das, unpoliert. Dennoch ist man fasziniert: Welch unbeirrter Hang zum selbständigen Denken. Hier erfahren wir von einem, der nie etwas ungeprüft übernommen, stets den eigenen Augen und Ohren vertraut hat und das bis heute tut. Der uns eine aufrechte Fortbewegungsart ohne ideologische Gehhilfen demonstriert. Die bequemste ist es nicht.

Mosaikartig entsteht aus diesen Texten ein Bild: Ein aufmüpfiger, unangepasster Schüler, der 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Warschauer-Pakt-Truppen protestiert, von der Erweiterten Oberschule (EOS) fliegt, intellektuell radikalisiert durch Victor Klemperers „LTI“ („Lingua Tertii Imperii“) und Heinrich Bölls Erzählungen über dessen Zeit als Schüler und bei der Armee in der Nazi-Zeit.

Die meisten kritischen Schriftsteller in der DDR waren gleichsam kommunistische Protestanten. Auf Marx pochend, geißelten sie die schlechte Wirklichkeit und forderten Schrifttreue im Sinne der utopischen Verheißung ein. Rachowski legte den Finger auf diktatorische Alltagspraxis, ohne philosophischen Überbau. Zuvorderst aber wollte er Dichter sein. Wolf Biermann und Reiner Kunze werden seine Idole, Jürgen Fuchs sein Freund. Er macht sich dessen Grundsatz zu eigen: „Sagen, was ist!“ Das Schreiben bezahlt er teuer: Aus vier seiner Gedichte basteln sie ihm 1979 eine Anklage wegen „staatsfeindlicher Hetze“. Von den zwei Jahren und drei Monaten Gefängnis sitzt er 14 Monate in Cottbus ab. Dann wird er ausgebürgert in den Westen.

Die einen hätten ihn dort gern als kommunistisches Opfer vorgezeigt, andere verlangten marxistisch-utopische Bekenntnisse. Er verweigert sich jeglicher propagandistischen Vereinnahmung, bleibt der langhaarige Außenseiter mit Bart, immer dazwischen.

Er ist einer der wenigen, die mit ihrer Bewunderung unseren Blick auf die viel konsequenteren polnischen Solidarnosc-Widerständler lenken. Biermann, der diesen Katholiken nichts zutraut, hält er entgegen: „die Polen machen das – und zwar mit der Schwarzen Madonna“. Als einziger deutscher Schriftsteller reist er während des Kriegsrechts 1981, getarnt als Student, da hin, schmuggelt Texte von verbotenen oder inhaftierten Autoren nach Westberlin, beliefert eine polnische Exilzeitschrift, liest die Texte im Radio. Und wundert sich über die Linksintellektuellen: 30 000 demonstrieren in Westberlin, als US-Truppen auf der fernen kleinen Karibik-Insel Grenada landen. Als im Nachbarland Polen eine Militärdiktatur das Kriegsrecht einführt, kommen kaum 300 auf den Kurfürstendamm.

Wie strikt er auf seinen Erfahrungen und Wahrnehmungen besteht, beeindruckt. So etwas stellt politische Wahrnehmungsmuster in Frage – bis heute. Unbeirrbar folgt er seinem Credo: „denn wir gehen doch der vertriebenen Wahrheit nach, die sich oftmals lange versteckt hält in den Wäldern verlogener Gegenwart und unter den rosigen Himmeln alter und neuer Propaganda“.

Nach Kräften wehrt er sich dagegen, in Schubkästen gepackt zu werden, in den etwa, wo „Dissident“ dran steht; dagegen, seine Literatur aufs Biografische zu reduzieren. Nur künstlerische Qualität und Stil sind entscheidend. Auf das „Geheimnis“ der Dichtung kommt es an. Daran möchte er gemessen werden. Das ist zum Beispiel möglich in einer Auswahl seiner Gedichte im Poesiealbum 339.

1990 ist er wieder ins Vogtland zurückgekehrt. Als Bürgerbeauftragter des sächsischen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Dresden versucht er, politisch Schikanierten zu Anerkennung und Entschädigung zu verhelfen. Darauf, sich ihre Lebensschicksale als Stoff für Literatur anzueignen, verzichtet er.

Besonders anregend liest sich, wie er mit seiner Erfahrung die Pegida-Demonstranten in Dresden beurteilt, 2016, in der Anfangsphase also. Wieder verweigert er sich gängigen, einfachen Schemata. Kritisiert die Demonstranten: „Sie laufen, bis in die Seele enttäuscht, Parolen hinterher, die scheinbar einfache Lösungen anbieten, Verachtung und Hass säen gegen noch Schwächere als sie.“ Zugleich hat er die Flüchtlinge im Blick, hierher getrieben von Globalisierung, hemmungsloser Ausbeutung ausgeliefert. Nutzlose, Zukunftslose sieht er auf beiden Seiten. Ratlosigkeit beschleicht ihn, wie man sie herausholt aus den „gespenstigen Montags-Umzügen“. Selbstgerechte moralische Überheblichkeit hat uns Utz Rachowski auch hier nicht anzubieten. Nur seine Hoffnung auf ein Freiheits-Gen, das vielleicht existiert, „aus Gefühl und mit Verstand“.

Utz Rachowski: Die Lichter, die wir selbst entzünden. Essays, Reden, Porträts, Briefe aus dem Gefängnis. P & L Edition / Bookspot Verlag. 272 S., 14,80 Euro